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Piemont und Ligurien im September 2008

Unsere diesjährige Besuchs- und Einkaufstour nach Norditalien legten wir auf die erste Septemberwoche. In dieser Zeit sind relativ wenig Besucher in der Langhe, die Tage sind noch nicht gar so kurz und die Winzer müßten noch etwas mehr Zeit für uns haben, weil die Weinlese in aller Regel ab Mitte September beginnt. Das waren zumindest unsere Überlegungen und Hoffnungen und die fanden wir dann auch so bestätigt.

Der erste Besuchstermin führte uns nach Gattinara im Norden Piemonts, etwa 30 km südlich des Lago d'Orta zum Weingut Giancarlo Travaglini, welches seit seinem kürzlichen Tod von seiner Tochter Cinzia und ihrem Ehemann Massimo Collauto weitergeführt wird. Auf die Fährte zu dieser Winzerfamilie hatte uns einer unserer Kunden mit seiner Anfrage gebracht, weil er einen dieser - zum Teil übrigens hochdekorierten - Nebbiolos von Travaglini bei einem Essen verkosten konnte.

Massimo und die Witwe von Signore Travaglini nahmen sich viel Zeit für uns, zeigten uns die Produktionsanlagen, das Flaschenlager, den Keller mit den großen Holzfässern und den Barrique-Keller. Die anschließende Verkostung der Weine war für uns beide als ausgemachte Nebbiolo-Liebhaber ein echtes Erlebnis. Schon der "einfache" Nebbiolo dieses Familienbetriebs mit etwa 42 ha Rebfläche ist von enormer Dichte im Mund, gleichzeitig strukturiert und mit einem angenehmen Abgang. Die Nebbiolos "Gattinara", "Tre Vingne" und "Riserva" sind geschmacklich jeweils eine deutliche Steigerung, letzterer übrigens, der "Riserva" 2001, wurde vom Gambero Rosso mit "drei Gläsern" ausgezeichnet.

Sozusagen das Sahnehäubchen dieser Verkostung durften wir zum Schluß probieren: ein Nebbiolo, mit dem Giancarlo Travaglini zu Lebzeiten einen lang gehegten Traum verwirklichen wollte. Bei diesem Wein werden etwa 30% der Trauben nach Art des Amarone auf Strohmatten getrocknet und auf diese Weise entsteht ein Wein mit ungeheurer Dichte und Volumen, ein wahres Feuerwerk von Aromen im Mund mit einem schier nicht enden wollenden Nachhall. Leider ist dieser edle Wein noch nicht verfügbar und wenn, dann wird er flaschenweise an besonders gute und treue Kunden abgegeben.




Der nächste Tag führte uns zu Maria Teresa Mascarello, der quirligen Tochter des im März 2005 verstorbenen Bartolo Mascarello, ein streitbarer Verfechter von traditionell ausgebautem Barolo, der mit seinen handgemalten Etiketten wie z.B. "No Barrique, no Berlusconi" beinahe schon Legende geworden ist.

Zur Mittagszeit waren wir mit Giorgio Viberti und Gianni Gallino im Weingut "Cascina Ballarin" von Giorgios Familie in Annunziata verabredet. Die Weine beider Weingüter kennen und schätzen wir und unsere Kunden ja schon seit einigen Jahren und so probierten wir miteinander die neuen Jahrgänge bei Salami, Käse und frischer Pasta. Giorgio und Gianni planen für Februar 2009 eine Tour durch Süddeutschland, wo sie bei verschiedenen Weinhändlern ihre Weine vorstellen möchten und so verabredeten wir, daß wir miteinander eine Weinprobe an einem Freitag Abend für unsere Kunden veranstalten.

Am Nachmittag bzw. am nächsten Tag besuchten wir dann noch zwei andere Winzer, die wir auch schon seit einigen Jahren kennen, nämlich Mauro und Daniela Veglio und die Familie von Elio Altare. Elena Altare war bei ihren Eltern zu Besuch, denn sie hat vor kurzem einen Deutschen geheiratet und betreibt in Bamberg einen Weingroßhandel mit Weinen ihres Vaters und anderer Winzer aus der Langhe. Ihre Schwester Silvia Altare engagiert sich mehr und mehr im elterlichen Weingut und wir lernten sie als zuvorkommende und zielorientierte junge Geschäftsfrau kennen.

Die beiden Weingüter Altare (rechts) und Veglio (links):



Unsere Reise ging weiter nach Ligurien, genauer in das bergige Hinterland von Imperia. Da wir neben guten Weinen sehr viel Wert auf frische, wohlschmeckende und gesunde Ernährung legen, wird bei uns täglich leidenschaftlich gerne gekocht und dazu gehören selbstverständlich wirklich gute und ehrlich hergestellte Olivenöle.

Aus der Begeisterung heraus, gute Olivenöle zu finden, galten unsere weiteren Besuchstermine den Betrieben bzw. Ölmühlen Raineri und Ghiglione, beide im bergigen Hinterland von Imperia gelegen, das für seine milden Olivenöle bekannt ist. Die Olivenöle dieser beiden Betriebe werden zum größten Teil reinsortig aus Oliven der Sorte Taggiasca kalt gepreßt und zeichnen sich durch einen sehr niedrigen Säuregehalt aus. Sie schmecken mild und fruchtig mit einem langen Nachhall. Die meisten dieser Olivenöle können übrigens bei uns im Laden verkostet werden.














Der letzte Teil unserer Reise führte uns nach Südtirol, genauer gesagt nach Tramin, südlich von Bozen. Die dort ansässige Winzergenossenschaft Tramin produziert eine Vielzahl wirklich guter Weine zu fairen Preisen. Unsere persönlichen Favoriten sind der Lagrein und der Sauvignon blanc.







Skizzen aus der Langhe/Piemont im Spätsommer 2004

Wenn man zum wiederholten mal ins Piemont fährt, kennt man die Etappen der Hinfahrt schon: auf der Autobahn von Mailand nach Turin auf halber Strecke links Richtung Alessandria abbiegen und dann die letzten Kilometer auf der Landstraße nach Alba fahren. Ab hier sieht man schon die Hügel der Langhe und mit jedem weiteren Wegabschnitt wird die Vorfreude auf das Ziel größer.
Für unseren diesjährigen Aufenthalt hatten wir das Hotel Barolo der Familie Brezza in dem gleichnamigen kleinen Ort Barolo ausgesucht. Von der Terrasse mitten in den Weinbergen der Ausläufer der Lage Cannubi hat man einen wunderschönen Blick auf den Ort mit seinem kleinen Castello und dem alteingesessenen Weingut Borgogno. Die Küche von Mariuccia Brezza und ihrer Tochter Tiziana ist bekannt und geschätzt. Zu ihren Nudelgerichten gehören die Tajarin und Agnolotti al plìn, bei den Fleischgerichten, vom Schmorbraten bis zum Wildbret, trägt alles das Merkmal der Unverfälschtheit. Die Zutaten sind ausgesucht und mit sicherer Hand zubereitet und die "Carta dei Vini" enthält eine breite Auswahl heimischer Weine. Hier genossen wir ein Mittag- und Abendessen, um am späten Abend mit verwöhntem Gaumen und Bauch zufrieden ins Bett zu sinken und das hektische deutsche Tempo auf die genußfreudige italienische Variante runtergeschraubt zu haben.

Das Bild zeigt im Vordergrund u.a. Weinberge der Lage Cannubi, in der Mitte den Ort Barolo und im Hintergrund Monforte d'Alba.

Der folgende Tag begann mit einem Besuch des Weinguts Bricco Maiolica der Gebrüder Angelo und Beppe Accomo in der Umgebung von Diano d'Alba. Dieser Ort liegt auf einem recht hohen Berg und da er nicht zu den 11 Orten des Barolo-Gebiets zählt (der Nebbiolo also nicht als Barolo verkauft werden darf), werden die Dolcetto- und Barbera-Reben, die sonst in den Tallagen angebaut werden, in dieser Gegend auch auf den Höhenlagen gepflanzt. Das macht den Dolcetto aus diesem Gebiet kräftiger, strukturierter und länger lagerfähig. Empfehlenswert aus diesem Gebiet sind auch die Weine von Claudio Alario, den wir am Folgetag besuchten und der mit dunkelblau eingefärbten Händen seit Tagen dabei war, seinen Dolcetto des Vorjahrs 2003 in Flaschen abzufüllen.

Apropos Jahrgänge und deren Qualität: 2002 war im Piemont ein ziemlich verregnetes Jahr mit einem verheerenden Hagelgewitter in der ersten September-Woche und so haben wir keinen Winzer angetroffen, der aus diesem Jahrgang einen Barolo produzieren wird; die Qualität war einfach nicht ausreichend und zudem mengenmäßig stark verringert. Die meisten Barolo-Winzer produzieren "nur" einen "Nebbiolo d'Alba 2002", der aus einem Verschnitt des besten Leseguts aller Lagen vinifiziert wird und dementsprechend ein Drittel bis Hälfte des üblichen Preises eines Barolo kostet und damit ein Tip für den preisbewußten Weinliebhaber darstellt. Den Barberas und Dolcettos dieses Jahrgangs hat das Wetter glücklicherweise jedoch nicht in gleichem Maße geschadet. Claudio Alario hat die Qualität seiner Trauben aus diesem Sommer 2002 beispielsweise insofern verbessert, indem er ab Mitte September, als die Sonne wieder schien, die Blätter an allen seinen Rebstöcken abgeschnitten hat, damit die Trauben jeden wärmenden Strahl abbekommen konnten. Was für ein Arbeitsaufwand !!

Nach einem hochklassigen Mittagessen in der "L'Osteria del Vignaiolo" in La Morra-S.Maria zeigte uns ein äußerst sympathischer Andrea Oberto seine neu gebaute Weinkellerei mit modernster Ausstattung, wie temperaturgesteuerten Stahltanks, Rotor-Fermentatoren und Lager mit Barrique-Fässern.

Einer der absoluten Höhepunkte unserer Reise geschah dann regelrecht am späten Nachmittag, als wir das Weingut von Elio Altare besuchten.

Schon bei den Vorbereitungen der Reise waren wir überrascht, überhaupt einen Besuchstermin zu bekommen und auf den letzten 100 Metern zum Weingut waren wir innerlich vorbereitet, einen abgehobenen, vom Erfolg verwöhnten und leicht arroganten italienischen Winzer anzutreffen. Aber weit gefehlt: wir wurden auf das allerherzlichste von seiner Frau begrüßt und in den Degustations-"Saal" geführt, wo sämtliche seiner "Kult"-Weine zur Verkostung aufgereiht auf dem Tisch standen. Aus den großen Panorama-Fenstern konnte man in der Ferne die Hügelketten der Langhe sehen und direkt davor, sozusagen im Garten, die Weinberge der Lage Vigna Arborina. Frau Altare entschuldigte ihren Mann, weil er im Keller mit der Etikettierung einer größeren Lieferung für den Folgetag beschäftigt sei und so verkosteten wir in aller Ruhe die Weine, angefangen vom Dolcetto, über den Barbera bis hin zu den Barolos - jeder Wein für sich ein Gedicht. Wir erhielten Informationen über ein Projekt mit dem Namen L'Insieme (--> Zusammen, Gemeinsam), das die Winzer Elio Altare, Giovanno Corino, Frederico Grasso, Mauro Molino, Enzo e Carlo Revello, Mauro Veglio, Gianfranco Alessandria, Guiseppe Caviola und Giulio e Paolo Morano begründet haben, wo jeder einen speziellen Wein mit seiner eigenen "Handschrift" kreiert hat und produziert und mit dessem Verkaufserlös diverse soziale Projekte in Afrika und Südamerika unterstützt werden. Der Gedanke dahinter: Für den eigenen Wohlstand dankbar sein und ihn mit ärmeren und benachteiligten Menschen auf dieser Erde ein bißchen zu teilen. In diesem Verbund von Winzern der neuen Generation konkurriert man nicht gegeneinander, sondern hilft sich gegenseitig aus und tauscht bei regelmäßigen Verkostungen der eigenen Weine ehrliche Kritik und eigene Erfahrungen aus.

Da Renate und ich, sowie die Freunde und Kunden des DOC., in Form einer Patenschaft einen 71-jährigen Exil-Tibeter unterstützen, ergab sich eine herzliche Übereinstimmung, was die Lebenseinstellung und unser Gedankengut betrifft. Als wir dann noch feststellten, daß wir mit unseren beiden Familien gezielt kleine Händler, Handwerker u.ä. unterstützen, um die Vielfalt und regionalen Unterschiede bewahren zu helfen, war die Grundlage für eine Art Seelenverwandschaft gelegt.

Nach einer guten Stunde kam Elio (geb. am 11.9.1950) in Jeans und Polohemd aus seinem Weinkeller hoch und musterte uns erst einmal etwas reserviert und ein wenig kritisch. Wir unterhielten uns zunächst ein wenig belanglos in einem Gemisch aus Französisch, Italienisch und Englisch und nachdem wir beiden Männer uns warm geredet hatten, waren wir mittendrin in einem fesselnden und beeindruckenden Gedankenaustausch über Philosophie, Welt-Politik, Religion und nicht zuletzt Elios Visionen und seinen Ambitionen für die Weine der Langhe, speziell den Nebbiolo/Barolo. Er suchte bereits Anfang der 70er-Jahre nach neuen Wegen, um den Barolo bekannt zu machen, zu einer Zeit, als für Dolcetto Reben noch mehr Geld bezahlt wurde als für Nebbiolo !! Er rebellierte gegen seinen Vater und dessen traditionelle Methoden, ohne daß dieser ihm Gelegenheit bot, seine eigenen Erfahrungen mit neuen Anbau- und Vinifizierungs-Methoden zu sammeln, solange, bis ihn der Vater schließlich enterbte. Elio fuhr mit einem Freund ins französische Burgund, weil er erfahren wollte, warum die Weine aus dieser Gegend für ein Vielfaches gehandelt wurden, obwohl die Nebbiolo-Rebe ein ähnlich hohes Potential in sich birgt, wie der Pinot Noir (zu deutsch: Spätburgunder). Er befragte die kleinen Winzer im Burgund nach ihren Methoden und Erfahrungen, kaufte für viel Geld teure und alte Burgunderweine, um deren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Als er einen mehr als 50 Jahre alten Spitzen-Burgunder trank, der dennoch frisch, jung und fruchtig schmeckte und von granatroter Farbe im Glas funkelte, war das für ihn wie ein Schlag in die Magengegend. Seither experimentiert er in alle Richtungen, um mit seinen Barolos eine vergleichbare Qualität zu erzielen.

Über die Barolos von Altare ist schon so viel geschrieben worden, daß ich dem kaum mehr etwas hinzuzufügen habe, außer ein Bild zweier Flaschen Barolo aus unserer "Schatztruhe":

Allerdings hatten wir beide bis dato noch keinen Barbera d'Alba von ihm getrunken und so waren wir mehr als begeistert von seinem 2003er. Für unseren Favoriten bei den Barberas, den "Marun" von Matteo Corregia, gibt es somit eine Steigerungsmöglichkeit.

Da Elio Altare - er definiert sich in erster Linie als Winzer und weniger als Geschäftsmann - vor Jahren einen exklusiven Vertriebsvertrag bei einem großen Weinkontor unterschrieben hat, ist es nicht möglich, seine Weine direkt zu beziehen und so haben wir leider nur eine Handvoll Probierflaschen mitnehmen können. Allerdings haben wir erste Kontakte zu o.g. Weinkontor in Florenz geknüpft und sind guter Dinge, über diesen Kanal die Weine von Elio Altare zu einem halbwegs vernünftigen Preis importieren zu können.

Diesen äußerst eindrucksvollen Tag ließen wir dann in Barolo in der "La Cantinetta" bei einem vielfältigen und äußerst leckeren Abendessen ausklingen. Seit vielen Jahren führen die Brüder Chiapetto dieses Lokal; sie warten mit dem klassischen piemontesischen Menü auf: Vitello Tonnato, Paprika mit Sardinen, Tomino con Bagnetto Verde, Gnocchi al Castelmagno, Ravioli, die traditionelle Cisrà, Ente in Barolo, Kaninchensalm - lauter Gerichte aus dem großen traditionellen Angebot der Langhe. Mehr als ein Geheimtip !!

Am folgenden Tag besuchten wir das Weingut von Mauro Molino, dessen Barberas und Barolos wir schon seit vielen Jahren genießen und schätzen, um anschließend dem direkten Nachbarn von Elio Altare einen Besuch abzustatten: Mauro Veglio und seiner Frau Daniela. Deren 1999er und 2000er Barolos waren für uns eine echte Neuentdeckung, nicht minder die Barberas. Zur weiteren Verkostung haben wir ein paar Flaschen seines 2002er Nebbiolo d'Alba mitgenommen (siehe Schilderungen zum 2002er Jahrgang weiter oben). Es wäre wirklich schön, einen größeren Abnehmerkreis für diesen Wein zu finden. Vielleicht kann sich der ein oder andere ausmalen, was es für einen Winzer wirtschaftlich bedeutet, wenn ein Jahrgang wegen der Wetterkapriolen fast komplett ausfällt.

Der krönende Abschluß war schließlich der Besuch bei Bartolo Mascarello, einer lebenden Legende des klassischen Barolo, der mittlerweile 78-jährig an seinen Stuhl gefesselt ist, aber dennoch über einen wachen Geist und einen erfrischenden Humor verfügt. Beinahe Kult-Status genießen seine handgemalten Etiketten ("No Barrique, no Berlusconi" ; "Il ne faut pas faire des Barriques, mais des Barricades") und so hatten wir das große Glück, jeweils vom 1999er und 2000er Barolo eine Flasche mit diesen handgemalten Etiketten zu bekommen und weil Renate den alten Herrn offenbar mit ihrem Temperament besonders beeindruckt hatte, durfte sie sich noch einen großen Kunstdruck eines seiner Etiketten aussuchen; er hängt jetzt unter Glas im DOC. Zu seinem Barolo sei noch angemerkt, daß er sich trotz (oder vielleicht gerade ?) seines traditionellen Ausbaus durch eine begeisternde Frische, Strukturiertheit und fulminante Fruchtigkeit auszeichnet.